Wachsen die BPM- und Workflow-Lager zusammen?

In der Forsetzung seines vielbeachteten Artikels "BPMS, BPML, BPEL, BPMN, WMS, XPDL, ? - Alles so schön bunt hier" zur Orientierung im Dschungel der BPM-Akronyme wirft Dr. Bartonitz einen Blick auf den aktuellen Stand bei den Standards und Trends von Workflow- und Human Activity Management.

Tipp: Praxiskurs BPMN & andere BPM-Seminare

Die Business Process Modeling Notation (BPMN) gewinnt in rasantem Tempo an Verbreitung. Die eigentliche Stärke dieser Notation, nämlich ihre Mächtigkeit zur präzisen Prozessbeschreibung, ist für Einsteiger jedoch häufig verwirrend. Dieses Seminar vermittelt sowohl die Grundlagen als auch Best Practice - Ansätze, um spezifikationskonform zu modellieren und gleichzeitig die Potentiale von BPMN voll auszuschöpfen. Mehr Infos

Hinweis: Dieser Artikel ist die Fortsetzung zum Artikel BPMS, BPML, BPEL, BPMN, WMS, XPDL, ? - Alles so schön bunt hier

1 Einleitung

Ich denke, es ist 18 Monate nach der Veröffentlichung meines ersten Artikels zu diesem Thema an der Zeit, zu resümieren: welche meiner Annahmen haben getroffen und welche neuen Trends zeichnen sich inzwischen ab? Wie geht es mit den Welten der Web-Service- und Human-Activity-Zentriker weiter?

Hinweis: da die Zahl der Akronyme im Umfeld des Geschäftsprozessmanagement eher weiter gestiegen ist als dass sich etwas gelichtet hätte, komme ich auch dieses Mal nicht umhin, den geneigten Leser bzgl. der Lesbarkeit zu warnen: es bleibt weiterhin ganz schön bunt hier!

Ich hatte im September die Gelegenheit, mich auf einer Veranstaltung der OMG ? Object Management Group - hautnah über die Neuerungen am Markt der Standards informieren zu lassen. Ich muss gestehen, am Ende des Tages war ich doch eher enttäuscht als zuversichtlich. Denn es sieht doch so aus, dass sich die beiden Welten der Web-Service-Orchestrierung (BPM) und des Workflow Managements a la WfMC ? Workflow Management Coalition - nicht so schnell zusammen finden werden, wie von mir erwartet (erhofft?).
Abbildung 1: Der lange Weg der Standards im Umfeld der Geschäftsprozesse
Klicken zum Vergrößern
Abbildung 1: Der lange Weg der Standards im Umfeld der Geschäftsprozesse
Abbildung 1 gibt einen Überblick über die Welt der wichtigsten Standards im BPM-Umfeld. Der Zeitstrahl ist nicht exakt, wichtig sind hier die Zusammenhänge. Auch sind nicht alle angrenzenden Standards, so z.B. die Service Oriented Architecture betreffend, dargestellt. Die verantwortlichen Organisationen sind mit ihrem Gründungsjahr angegeben. Die Kästchen der 3 wichtigen Standards XPDL, WS-BPEL und BPMN sind zur besseren Lesbarkeit heller dargestellt. Ähnlichkeiten der Grafik mit den Swim Lanes der BPMN sind völlig ungewollt.

Auch bestätigte sich mir, dass sich die Markteinführung des SOA - Service Oriented Architecture ?sehr zäh gestaltet. Die Frage in den Teilnehmerkreis der Veranstaltung, wer denn schon eine SOA im Hause implementiert hat, wurde nur von etwa 6 der etwa 240 Teilnehmer der 3 Veranstaltungsorte positiv beantwortet. Einen beeindruckenden Grund für eine zwingend langsame Einführung hat einer der vortragenden Anwender gezeigt: eine riesige Tapete vorhandener Applikationen basierend auf Millionen von COBOL-Code-Zeilen. Da ist nicht Viel mit einem ?Wir legen jetzt mal den Schalter auf SOA um? drin.

Dagegen fehlte ich mit meiner Annahme, dass die BPMN ? Business Process Modeling Notation ? der BPMI ? Business Process Management Initiative - in der UML ? Unified Modeling Language ?ggf. als Ersatz des Aktivitäten-Diagramms aufgehen würde. Zwar ist die BPMI Mitte 2005 vollständig in der OMG aufgegangen, aber auf der besagten OMG-Veranstaltung wurde festgestellt, dass die UML primär bei den Technikern Akzeptanz findet. Dagegen stehen die Anwender eher auf weniger detaillierte Modellierungsapplikationen und können sich besser mit einem Werkzeug auf Basis der BPMN anfreunden. Aus diesem Grund wird es zukünftig neben der UML weiterhin die eigenständige BPMN geben. Übrigens ist die von der BPMI anfangs spezifizierte BPML ? Business Process Management Language ? zugunsten der weniger mächtigen WS-BPEL ? Business Process Execution Language 4 Web Service - der OASIS ? Organization for Advancement of Strutured Information Standards ? inzwischen aufgegeben wurde.

Dass sich die BPMN tatsächlich anschickt, sich zu einem profunden Standard zu entwickeln, lässt sich an der langen Liste von ca. 40 Firmen ablesen, die schon entsprechende Werkzeuge anbieten (siehe unter www.bpmn.org). Nachdem IDS Scheer mit der Version 7 ihres ARIS auch die UML-Diagramme unterstützt ist, scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, dass alternativ zu den EPKs zukünftig Prozesse in diesem Tool auch in BPM-Notationen gemalt werden können. Hinzu kommt, dass aus den BPMN neben der Prozessausführungssprache PBEL auch die XPDL ? Process Definition Language mit X für XML-basiert - der WfMC geschrieben werden kann, und vice versa. Die WfMC hat mit der Version 2.0 der XPDL aus Oktober 2005 neben einigen bisher fehlenden Elementen der BPMN auch die notwendigen grafischen Elemente (Pools, Swim Lanes, Gateways und Events) mit in die Beschreibungssprache integriert, so dass nun ein bidirektionaler Austausch zwischen XPDL und BPMN möglich ist.

Abbildung 2: Process MetaModell der XPDL 2.0 mit BPMN-spezifischen Erweiterungen (grau)
Klicken zum Vergrößern
Abbildung 2: Process MetaModell der XPDL 2.0 mit BPMN-spezifischen Erweiterungen (grau)
Die neue Version 2.0 der WS-BPEL Spezifikation ist aktuell im Review und steht damit kurz vor der Veröffentlichung. Der Schritt hin zur direkten Unterstützung von ?menschlichen Aufgaben? (manual tasks) innerhalb der Prozesse ist weiterhin nicht unterstützt, d.h. es fehlen die notwendigen Zuordnungen von Resourcen, Rollen, Organisationseinheiten oder Systemen. Auch die grafischen Elemente werden vermißt, wie diese dagegen nun seitens der XPDL unterstützt wird, so dass weiterhin ein Lesen einer BPEL-Definition in ein BPMN-Tool nicht möglich ist. Nur beschränkt unterstützt werden Unterprozesse durch ?scope?. Ganz fehlen Elemente für die Simulation wie geschätzte Zeit, Wahrscheinlichkeit von Zuständen, Kostenstelle etc..

Es gab Mitte 2005 eine Veröffentlichung eines 18 Seiten-starken White Papers ?BPEL4People? von einer Arbeitsgruppe, die aus Mitarbeitern der IBM und von SAP zusammengesetzt war. Das Ziel dieser Gruppe war es, das Menscheln in die BPEL einzubringen. Leider gab es bis Dato keine weiteren Publikationen. Allerdings gab es von einem der Teilnehmer der schon erwähnten OMG-Veranstaltung den Hinweis, dass IBM diese Spezifikation mittlerweile umgesetzt hätte. Hier bleibt es also noch spannend: wird diese Erweiterung den Weg zu OASIS als Hüter der BPEL-Spezifikation finden?

Obwohl mittlerweile eine Reihe von Werkzeugen auf dem Markt angeboten werden, um BPMN-Diagramme zu erstellen und anschließend daraus BPEL- oder XPDL zu erzeugen, so muss doch folgendes kritisch angemerkt werden: der BPMN fehlt im Gegensatz zur UML oder den EPKs ? Ereignisgesteuerte Prozess-Ketten ? des Herstellers IDS Scheer eine zugrundeliegende Design-Methodik. Ob das die Anwender aber davon abhalten wird, ihre Geschäftsprozesse mittels BPMN zu beschreiben?
Abbildung 3: Beispiel eines Diagramms nach der BPM-Notation mit Swim Lanes, Activities, Transitions, Events and Gateways
Klicken zum Vergrößern
Abbildung 3: Beispiel eines Diagramms nach der BPM-Notation mit Swim Lanes, Activities, Transitions, Events and Gateways

2 Reicht BPMN-Modellierung für die Ausführung?

Ich habe gerade ausgeführt, dass die BPMN-Diagramme nach XPDL oder BPEL exportiert werden können. So formuliert hört es sich an, als ob nun die Analysten, die BPMN nutzen auch gleich die notwendigen Informationen für den auszuführenden Code hinterlegen: weit gefehlt!

Wir werden vermutlich noch Jahre brauchen, bis ein Analyst ohne Zutun eines Entwicklers mittels eines Prozessmodellierungstools eine komplette Prozessanwendung fertigstellen kann. Ich hatte vor einer Dekade die Gelegenheit, mit einem Kollegen der Fa. IDS Scheer ein Konzept zu erarbeiten, das den Transfer von EPKs in ein konkretes Workflow Management System erlaubte. Prämisse war, dass nach dem Transfer kein weiterer Code im Prozess-Designer des WMS erfolgen durfte. Andernfalls hätte nach einem erneuten Transfer aufgrund einer Prozessanpassung die Codierung ebenfalls wieder erfolgen müssen. Zwei wichtige Erkenntnisse resultierten aus der Umsetzung:
  1. Die Anforderungen an die höhere Granularität der Prozessdokumentation aus Sicht des Analysten war nicht mit einer möglichst einfachen Handhabung durch den Anwender in Deckung bringen. Im ersten Fall sollen auch Tätigkeiten dokumentiert
(Kompletter Text nur für Netzwerk-Mitglieder)

Veröffentlicht von Dr. Martin Bartonitz bei BPM-Netzwerk.de am 09. November 2006

(c) copyright 2007 BPM-Guide.de - Mon Oct 20 14:10:43 CEST 2008