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BPMN oder nicht? Die Grundsatzfrage dahinter.

Die Diskussion, ob BPMN eingesetzt werden soll oder nicht, reduziert sich bei der “Contra”-Fraktion i.d.R. auf ein Argument: “BPMN ist zu kompliziert”.

In diesem Post soll es weniger um BPMN als um dieses Argument gehen, und meine Einschätzung zur gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, die mit dieser Frage verbunden ist. Oder um es kurz zu machen: Warum die “BPMN ist zu kompliziert”-Haltung keine Zukunft hat.

Gunter Dueck beschreibt in seinem neuesten Buch “Aufbrechen” extrem anschaulich, wie sich unsere Gesellschaft gerade verändert. Und so wie in den letzten 200 Jahren in der Landwirtschaft und der Industrie die Pferde durch Trecker und die Arbeiter durch Maschinen und Roboter ersetzt werden, so werden seit einigen Jahren im Dienstleistungssektor bzw. den äquivalenten Abteilungen in Industrieunternehmen die Sachbearbeiter durch IT-Lösungen ersetzt. Und wir stehen gerade mal am Anfang dieser Entwicklung: Es ist kaum nennenswert, was bisher in dieser Richtung passiert ist, wenn man sich klar macht, was noch alles passieren wird.

Natürlich werden zigtausende, eher Millionen Menschen in Deutschland, der EU, USA etc. durch diese Entwicklung arbeitslos. Gar keine Frage, dass diese extreme gesellschaftliche Veränderung zu großen Schwierigkeiten führen wird. Prof. Dueck glaubt, dass wir die kritische Phase, wenn wir es richtig machen, relativ schnell überwinden und in eine bessere Phase eintreten werden, und ich glaube das auch. Aber wie auch immer: Diese Veränderung steht fest, so oder so.

BPMN ist ein zentraler Baustein in dieser Entwicklung: Mit BPMN beschreiben wir Geschäftsprozesse, die (überwiegend) von Menschen erledigt werden, damit sie zukünftig (überwiegend) von IT erledigt werden. Wir können damit auch andere Sachen machen, aber das ist die ursprüngliche Motivation. Natürlich geht das nicht immer gleich komplett, deshalb gibt es “Human Workflow Management”, auf dem Weg zur kompletten “Dunkelverarbeitung”, wie die angestrebte Vollautomatisierung in der Versicherungswirtschaft heißt.

Ob wir in 5 oder 10 Jahren noch mit BPMN arbeiten oder einer anderen Notation, ist dabei herzlich egal. Wichtig ist nur die Motivation hinter BPMN, und wie der Standard aufgebaut wurde, um diesen Zweck zu erfüllen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es in absehbarer Zeit eine bessere Lösung als BPMN für diesen Zweck geben wird, und später dann wieder eine bessere Lösung usw. Das ist gar nicht der Punkt.

Der Punkt ist, welche Menschen und Kompetenzen eine solche Gesellschaft noch brauchen wird, und welche nicht. Und jetzt wird es unangenehm.

Mit den Webmaschinen wurden die (Hand-)Weber überflüssig. Mit IT-Lösungen werden Sachbearbeiter, aber auch Manager, überflüssig. Natürlich wird es immer noch Sachbearbeiter und Manager geben, aber deutlich weniger. Standardisierte und automatisierte Prozesse arbeiten gleichartig und deshalb vorhersehbar. Da braucht es keine “Aufpasser” mehr. Natürlich passieren Fehler, und natürlich gibt es auch zukünftig Kunden mit Sonderwünschen. Und Dienstleistungen, die sich nicht mit IT-Lösungen automatisch erbringen lassen. Aber eben deutlich weniger.

Wenn ein Unternehmen in dieser neuen Gesellschaft kaufmännisch erfolgreich sein will, hat es zwei Möglichkeiten:

1) Es geht diesen Weg und maximiert den Automatisierungsgrad seiner Geschäftsprozesse, wo es nur geht
2) Es findet irgendeinen Weg, sich als “Service-Führer” in einer Nische einzurichten, und leistet sich ineffiziente Prozesse.

Der allergrößte Teil der Unternehmen wird 1) gehen, und das bedeutet, dass der Stellenwert von IT für den Unternehmenserfolg nochmal extrem steigen wird im Vergleich zu dem Stellenwert, den IT dort heute schon hat. Und eine Konsequenz davon ist, dass “IT follows Business” nicht geschehen wird. Es wird genau umgekehrt passieren: Nicht das Business wird dank modellgetriebener Entwicklung o.ä. IT-Mitarbeiter überflüssig machen, sondern immer mehr IT-Professionals erwerben betriebswirtschaftliche Kompetenzen, und drängen ins Business. Das Management der Unternehmen wird in dem Maße “technokratisiert”, wie die Gesellschaft insgesamt.

Das muss so passieren, weil 1) sonst nicht funktionieren würde. Unternehmen mit Mitarbeitern, die eine “Techie-Ader” haben, werden 1) erfolgreicher praktizieren als Unternehmen mit Mitarbeitern, denen die Denkweise von IT-Professionals fremd ist. Unternehmen mit analytisch geprägten Menschen, die intellektuelle Herausforderungen, z.B. im Bereich der Logik, interessant finden und eine Art sportlichen Ehrgeiz besitzen, Systeme zu verstehen, werden 1) besser umsetzen. Unternehmen mit Mitarbeitern, die solche Herausforderungen als lästig empfinden und sich eher in assoziativen und kommunikativen Disziplinen üben, werden 1) schlechter umsetzen und deshalb insgesamt im Wettbewerb verlieren.

Das heißt nicht, dass jeder Manager und jeder Mitarbeiter ein Programmierer sein muss. Aber tatsächlich muss fast jeder so “gestrickt” sein, dass er Programmieren prinzipiell interessant findet. Mit “fast” meine ich, dass es selbstverständlich auch in der “neuen Welt” Menschen geben muss und wird, auch in Versicherungen etc., die beispielsweise in rein kreativen Bereichen arbeiten, und für ihren Job keine “Techie-Ader” haben müssen. Aber es werden eben deutlich weniger als heute sein, das ist der Punkt.

Und jetzt schließen wir den Kreis zur BPMN: Menschen mit “Techie-Ader”, egal ob sie jetzt Programmierer oder Top-Manager sind, finden die Ideen und den Aufbau der BPMN eigentlich immer sehr interessant, geradezu faszinierend. Das habe ich jetzt oft genug erlebt. Es macht ihnen richtig Spaß, die Denkmuster zu durchdringen und BPMN auszuprobieren. Oder auch die logischen Schwachstellen zu finden und entsprechend zu kritisieren, was auch in Ordnung ist, weil man sich einfach damit beschäftigt, und nur darum geht es. Ich habe nicht selten erlebt, dass ein Abteilungsleiter BPMN viel besser verstanden hat als seine Mitarbeiter und diese regelrecht getreten hat, den intellektuellen Hintern hochzukriegen und sich mit einer formalen Modellierung anzufreunden. Und das ist das ganze Geheimnis hinter dem viel beschworenen “Business-IT-Alignment”, egal ob mit BPMN oder sontwas.

Menschen, die die Komplexität der BPMN, die zweifelsohne vorhanden ist, aus Prinzip ablehnen und als unzumutbare Belästigung empfinden, haben diese “Techie-Ader” in der Regel nicht. Das sind die Menschen, die für eine Entwicklung wie in 1) ganz zwangsläufig nur einen geringeren Beitrag leisten können. Natürlich wird es sie in Unternehmen, die 1) gehen, auch zukünftig geben. Aber eben… deutlich weniger.

Noch ein Hinweis zum Schluss: Ich will gar nicht sagen, dass die BPMN-Gegner zu “doof” wären und deshalb verschwinden müssten. Ich glaube aber, dass viele Menschen den “Techie in sich” entdecken müssen. Damit meine ich wie gesagt überhaupt nicht, dass jeder programmieren muss. Aber jeder sollte versuchen, ein gewisses Interesse für analytische Prinzipien zu entwickeln. Einfach Freude daran, ein logisch aufgebautes System gedanklich zu durchdringen. Das ist m.E. keine Frage der “Gene”, sondern eine innere Einstellung, die jeder entwickeln bzw. bei sich entdecken kann. Und hier bin ich einer Meinung mit Gunter Dueck. Denn wer das nicht macht, wird in den kommenden Jahrzehnten verflucht schlechte Karten haben.

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