BPMN in 2009: Ein Resümee

December 04 2009 by Jakob Freund · 5 Comments

Buch, Vorträge, Projekte, Seminare und ein Webinar: Mein 4. Quartal stand 150%ig im Zeichen von BPMN. Ein paar Termine habe ich noch, aber das Gröbste ist geschafft für dieses Jahr. Zeit für ein Resümee.

Es ist toll mitanzuschauen, wie die BPMN-Rakete abhebt. Tatsächlich haben wir in diesem Jahr über 30 Firmen an BPMN herangeführt (einige Referenzen).

BPMN vergeigenAber kaum ist die erste Hürde geschafft, stehen wir vor der Zweiten: Knapp die Hälfte unserer Trainings und Workshops haben wir in 2009 bei IT-Dienstleistern gemacht, z.T. sogar bei Wettbewerbern von uns. Warum? Damit sich der Standard weiter verbreitet, und BPMN “richtig” verstanden wird. Denn hier liegt die große Gefahr: Dass man glaubt, mit BPMN könnte man ganz easy das “Business-IT-Alignment” erreichen. Das stimmt nicht, und wer mit dieser Haltung ins Projekt geht, wird scheitern. Ich glaube heute bereits eine Handvoll Firmen nennen zu können, die in den nächsten zwei Jahren große, teure und relativ erfolglose BPM(N)-Projekte durchführen werden.

Was wird passieren: BPMN wird ähnlich wie SOA als Marketing-Buzzword-Augenwischerei diskreditiert und verworfen werden. Das Thema ist dann in solchen Firmen verbrannt.

Rollengerechte Modelle

Rollengerechte Modelle

Der Weg vom fachlichen zum technischen Prozessmodell ist schwierig, und impliziert sehr viel mehr als die Frage, wann welche Symbole zu verwenden sind. Wir müssen akzeptieren, dass es nicht “das Business” und “die IT” gibt, sondern sich in diesen Fraktionen ganz verschiedene Rollen, Kompetenzen und Erwartungen in Bezug auf Prozessmodelle verbergen. Wir müssen akzeptieren, dass wir verschiedene Prozessmodelle brauchen, auch wenn diese alle auf BPMN basieren.

Für BPMN gilt dasselbe Prinzip wie für die deutsche Sprache: Wir können mit verschiedenen Menschen sehr unterschiedlich kommunizieren. Die BPMN ist für “das Business” genauso gut geeignet wie die deutsche Sprache: Nämlich abhängig davon, wie ich sie als “Sender”, also Prozessmodellierer, verwende.

BPMN braucht ein Framework

BPMN braucht ein Framework

Ich bin sehr glücklich, dass die Teilnehmer in unseren Seminaren dieses Verständnis fast immer sehr schnell entwickeln. Am Ende steht die Erkenntnis, dass weder die BPMN als Notation noch ein BPMN-Tool allein ausreichen, um erfolgreich Prozesse zu modellieren. Was man zusätzlich braucht, ist ein methodisches Framework, bestehend aus abgestuften Symbolpaletten, vordefinierten Mustern für bestimmte Sachverhalte und Guidelines, wann z.B. mit Pools und wann mit Lanes modelliert werden soll. Dieses Framework muss nicht zwingend im Vorfeld auf theoretischer Ebene entwickelt werden, sondern kann auch iterativ mit der praktischen Arbeit aufgebaut werden. Aber es muss jemanden geben, der sich darum kümmert.

Außerdem bin ich glücklich, dass unsere Teilnehmer die Mächtigkeit der BPMN am Ende es Kurses fast immer zu schätzen wissen, und nicht von ihr eingeschüchtert sind. Und dass sie die Basisprinzipien begreifen, nach denen BPMN funktioniert, nämlich den Prinzipien der Prozessautomatisierung.

Natürlich gibt es auch diverse negative Erfahrungen, dass Menschen die BPMN ablehnen, weil sie die Notation zu kompliziert oder zu technisch finden. Ich habe gelernt, dass das sehr stark davon abhängt, wie gut ich die Notation erkläre. Ich muss gestehen, dass dieser didaktische Aspekt vor einem Jahr leider noch zu kurz kam. Aber irgendwann kommt auch der Punkt wo ich eingestehen muss, dass die BPMN als Werkzeugkasten auch wirklich nicht für Jeden geeignet ist: Wer Prozesse modelliert, muss sehr stark analytisch veranlagt sein. Bei einer rein fachlichen Modellierung ist das vielleicht nicht zwingend erforderlich, aber definitiv, wenn es um Business-IT-Alignment geht. Das gilt im Prinzip ganz unabhängig von der BPMN, aber hier wird diese Voraussetzung offensichtlich. Die Leser solcher Modelle müssen übrigens nicht zwangsläufig Analytiker sein, die eigentliche Herausforderung liegt bei den Menschen, die die Modelle erstellen.

Ich hoffe das klingt jetzt nicht zu negativ, aber ehrlich gesagt glaube ich Folgendes:

BPMN wird für analytisch veranlagte Menschen zu einem mächtigen Werkzeug in IT-Projekten, das gilt sowohl für “das Business” als auch für “die IT”. Wer diese Veranlagung nicht mitbringt, wird das Potential der BPMN nicht wirklich nutzen können. Für mich ist das ein weiteres Argument für “Führungstandems” in BPM-Projekten, bestehend aus einem Projektleiter einerseits, und einem Process Analyst andererseits. Denn eine Person, die beide Stärken kombiniert, ist extrem selten anzutreffen.

Was ist also mein Resümee für 2009: Es ist positiv, dass soviele Firmen jetzt wirklich anfangen, mit BPMN zu arbeiten. Ich bin aber auch in Sorge, dass ein unbedachter Einstieg zu enttäuschten Erwartungen führt.

Mein Angebot an solche Firmen ist, sie bei den ersten Schritten zu unterstützen: Kompakte Initialschulung zur BPMN, gemeinsame Prozessmodellierung, kontinuierliches Reviewing der Modelle und Coaching desjenigen, der die “BPMN-Governance” verantwortet. Das Ganze auf Basis des BPMN-Tools, für das man sich entschieden hat, oder Unterstützung bei der Auswahl des Tools (aber Achtung: wir sind zwar unabhängig, aber nicht mehr völlig neutral).

camunda BPMN-Framework

camunda BPMN-Framework

Methodisch haben wir ein BPMN-Framework entwickelt, das in unserem BPMN-Buch beschrieben wird. Aber auch das ist nicht der Weisheit letzter Schluss, es geht am Ende darum, dass eine Firma selbst in der Lage sein muss, ihr BPMN-Framework zu entwickeln und zu pflegen. Unser Framework kann dafür als Inspiration und Ausgangspunkt dienen.

Keine Frage: Wir wollen Geld verdienen. Aber es geht tatsächlich auch darum, Firmen dabei zu helfen, mit BPMN erfolgreich zu sein. Denn nur dann wird sich der Standard bewähren und weiter verbreiten, und das ist auch für uns sehr wichtig.

Insofern würde ich mich freuen, wenn der eine oder andere das Angebot wahrnähme, und gemeinsam mit uns sein nächstes BPM/SOA-Projekt mit Hilfe der BPMN durchführen würde.


Bei Interesse sprechen Sie mich bitte an.

5 Kommentare zu BPMN in 2009: Ein Resümee

  1. Auch ich freue mich: Ihr habt einen wichtigen Baustein mit dem Methoden-Framework zur Nutzung der BPMN gebracht. Es wurde Zeit, dass diese Lücke gefüllt wurde.
    Du hast einen wichtigen Hinweis gegeben: nicht Jeder wird die Notation korrekt beherrschen. Eine analytische Affinität sollte gegeben sein. Speziell dann, wenn es um die Überführung der fachlichen Modelle in die Ausführung durch die IT geht.
    Ich werde immer häufiger darauf angesprochen, ob wir (SAPERION) nicht eine Schnittstelle zum Import von schon gemalten Prozessmodellen in usere Workflow-Engine hätten. Selbst wenn wir sie schon fertig hätten: die mir gezeigten Prozesse sind weit davon entfernt, importiert nd direkt ausgeführt werden zu können. Den Prozessen fehlen durchgängig die determinstischen Informationen, die eine Workflow-Engine befähigt, im Fehlerfall korrekt zu agieren. D.h. vor der Überführung in die Engine sind Umbauten und Anreicherungen notwendig. Spätestens hier braucht es einen Prozessanalytiker, der mit dem Workflow Engineer die notwendigen Arbeiten durchführen kann.
    Und bisher ist mir noch kein Importer bekannt, der in der Lage ist, beliebige Fremdmodelle in eine Workflow Engine zu überführen. Die Prozessmalenden müssen sich immer auf Konventionen einlassen, d.h. auf Beschränkungen der Modellierung, so dass der Import unfallfrei erfolgen kann. Hat man aber ohne eine Konvetion begonnen, wird für das Ziel-Workflow-System immer ein manueller Umbau vorab notwendig sein. Dieser Umbau ist dann meist genau so teuer, dass man auch gleich die Modelle 1:1 mit dem Modellierer des Workflow-Systems durchführen kann.
    Und hier sehe ich die große Chance Eure Frameworks. Insbesondere dann, wenn die Werkzeuge in den verschiedenen Differenzierungsichten den Weg vom Weniger-Analytiker zum Workflow-Engineer unterstützt. Dann sollte der Import in die Engine deutlich leichter fallen.

  2. Hallo Martin,

    ja, das Thema Export/Import wird bis zum heutigen Tage zu blauäugig gesehen, im Grunde ähnlich wie die technische Ausführung grafischer Prozessmodelle: Das Problem ist primär nicht technischer, sondern methodischer Natur. Und ich kenne nur ganz ganz wenige Beispiele, wo der Import fachlicher Prozessmodelle in eine Ausführungsumgebung (Process Engine / BPMS) tatsächlich zu signifikanten Vorteilen geführt hätte. Die Nacharbeiten waren fast immer immens.

    Aber auch ich glaube, dass diesem Problem mit einer präziseren Modellierungskonvention / Methodik / Framework bereits auf fachlicher Ebene besser begegnet werden kann, und der Ausgangspunkt ist BPMN.

    Denn wir kommen nicht so schnell weg davon: Es wird noch lange heterogene BPM-Tool-Landschaften geben, wo aus welchen Gründen auch immer bestimmte Orga-Prozessmodellierungstools einfach gesetzt sind und man sehen muss, wie man diese mit einer DMS-Engine, Process Engine or what ever koppeln kann.

    Viele Grüße

    Jakob

  3. Hallo Jakob,

    ich kann hier auch nur voll und ganz zustimmen. Ich hoffe, dass bei den anlaufenden BPMN-Großprojekte einige gescheite Leute zur Seite stehen, die diese Problematik auch kennen und bei der Einführung von BPMN nachhaltig unterstützen. Und das alles hoffentlich bevor die “Marketing-Sau” BPMN durch jedes Dorf getrieben wurde ;)
    Die viel zu oft von den Software-Herstellern gemachten versprechen, dass demnächst die Business-Abteilungen unabhängig von der IT ihre Prozesse modellieren und zur Ausführung bringen können, funktioniert nicht ohne gute Prozess Analysten, Methoden und Frameworks.

    Nicht nur BPMN sondern auch BPM sollte ehrlich und gewissenhaft in Projekte eingebracht werden. BPM an sich kursiert ja schon seit vielen Jahren im IT-Umfeld, doch in den letzten 2 Jahren sind sind die Möglichkeiten vieler BPM-Tools starkt gewachsen. Für den erfolgreichen Einsatz dieser Tools sind eben die von dir beschriebenen Frameworks und das methodische Wissen immens wichtig. Hier unterstützen grade solche Standards wie BPMN dabei nachhaltige Ergebnisse zu erzielen. Denn Standards bieten die Möglichkeit sich besser auszutauschen und Plattform-unabhängiger zu werden. Wenn sich Standards etablieren wächst nicht nur die Community, sondern auch das Know-how und somit Leistung die in BPM-Projekten erzielt werden kann.

    Schöne Grüße
    Martin Wieschollek

  4. [...] Mit dieser Forderung mache ich “technische” Prozessmodelle nicht überflüssig, und ich stelle auch nicht den Sinn der Ausführbarkeit von BPMN 2.0 infrage. Im Gegenteil: Wir sind ganz vorn mit dabei, was dieses Thema angeht. Aber wir müssen lernen und akzeptieren, dass wir in unseren BPM-Projekten auch zukünftig IT’ler haben werden, mit denen wir reden müssen. Die Durchgängigkeit von BPMN erleichtert uns diese Kommunikation, aber sie macht den Dialog nicht überflüssig. Dank der Durchgängigkeit gelingt uns das Forward Engineering besser, auch der Roundtrip, und auch das KPI-Monitoring. Aber es wird nicht automatisiert. Und wir haben viel Arbeit vor uns, um diese Früchte zu ernten: Die Notation an sich reicht nicht aus, man braucht ein methodisches Framework für den effektiven Einsatz. Aber dann funktioniert es auch. Mehr dazu hier. [...]

  5. [...] Bruce Silver in seinem Buch “BPMN Method and Style” aufgegriffen, und auch wir haben im camunda BPMN-Framework, das in unserem Praxishandbuch BPMN beschrieben wird, verschiedene Ebenen der Modellierung [...]

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