BPM in der Sinnkrise – Was soll das?

April 04 2009 by Jakob Freund · 5 Comments

Herrjeh, wir stecken in der Krise. Nein, ich meine nicht die Finanz- oder Wirtschaftskrise, viel schlimmer: Jetzt haben wir auch noch eine BPM-Krise. Hey, BPM-Krise.de ist noch frei ;-) . Schuld sind natürlich die Technokraten, die Prozessmanagement auf IT reduzieren und deshalb alles kaputt gemacht haben. Zumindest interpretiere ich so, worauf ich von Prof. Allweyers letzten Blog Post “Prozessmanagement in der Sinnkrise” aufmerksam gemacht wurde und dann hier nachlesen musste.

Jetzt ist die Rede von einer neuen Initiative, die ein Manifest veröffentlichen soll. Ich kapiere das alles aus folgenden Gründen nicht:

1) BPM steht für Geschäftsprozessmanagement, und das ist selbstverständlich ein Dachbegriff, der sich auf wesentlich mehr als “nur” Prozessautomatisierung bezieht. Ist das denn so schwer?

2) Seit Jahren laufe ich durch Unternehmen und erlebe selbst, wie Prozessautomatisierung mit Hilfe von BPMS einen meßbaren Nutzen stiftet. Nebenbei bemerkt viel häufiger, als rein fachliche Prozessmanagement-Projekte. Sicher wird das Versprechen vom “Prozess auf Knopfdruck” nicht erfüllt, aber das heißt doch noch lange nicht, dass kein Nutzen erzielt wird. Und ich erlebe selbst, wie Business und IT näher zusammen gebracht werden, z.B. mit Hilfe der Kombination von BPMS und BRMS.
Warum muss eigentlich jeder immer gleich das “Big Picture” malen und auf dem Reißbrett die großen Strategien zuerst entwerfen, dann rumposaunen und am Ende wieder zerreißen? Lasst uns doch einfach Projekte machen und die Firmen vorwärts bringen! Aber nein, wir quasseln ewig darüber, wie man jetzt aus BPMN-Modellen BPEL generieren könnte, und wenn das nicht geht (suprise! surprise!), ist natürlich das gesamte technische BPM ein Fehlschag, und weil wir BPM instinktiv auf das technische BPM reduzieren (was VÖLLIG unlogisch ist!), ist jetzt also BPM tot. Hat hier irgendwer zuviel Zeit?

3) Schon 2005 haben wir in der Gesellschaft für Organisation einen “Body of Knowledge” für BPM entwickelt, und ganz bewusst mit dem Begriff “BPM”, weil das eben einfach nur die Übersetzung von Geschäftsprozessmanagement ist. Nix Tekkie! Prozessmanagement! Meine Güte, bloß weil “die Amis” halt traditionell den BPM-Begriff mit Workflow etc. verbinden, müssen wir doch nicht gleich Angst um unsere gute alte Orga-Welt haben.

4) Es gibt schon längst ein Manifest einer internationalen Initiative zu BPM. Die gfo hat mit anderen Gesellschaften die IABPM gegründet, die wiederum mit der ABPMP einen gemeinsamen BoK entwickelt hat, auf dessen Grundlage in diesem Jahr noch die Zertifizierungen beginnen sollen. In der deutschen Fassung des BoK wird BPM wie folgt definiert:

Die englische Bezeichnung “Business Process Management” oder BPM wird synonym verwendet für Geschäftsprozessmanagement oder auch einfach Prozessmanagement.
[…]
“Business Process Management” (BPM) ist ein systematischer Ansatz um
sowohl automatisierte als auch nicht-automatisierte Prozesse zu erfassen, zu gestalten, auszuführen, zu dokumentieren, zu messen, zu überwachen und zu steuern und damit nachhaltig die mit der Unternehmensstrategie abgestimmten Prozessziele zu erreichen. BPM umfasst die bewusste, gemeinsame und zunehmend IT-unterstützte Bestimmung, Verbesserung, Innovation und Erhaltung von end-to-end-Prozessen. Auf diese Weise können Unternehmen immer schneller und flexibler gute Ergebnisse erreichen.
Mit Hilfe von BPM können Prozesse auf die Unternehmensstrategie abgestimmt werden, so dass sich die Gesamtunternehmensleistung verbessert, sobald Prozesse innerhalb einzelner Organisationseinheiten, unternehmensweit oder sogar unternehmensübergreifend optimiert werden.

Können jetzt bitte schön alle damit leben? Oder ist “zunehmend IT-unterstützt” schon wieder zu technokratisch?

Wie gesagt, ich laufe Tag für Tag durch die Welt und mache BPM-Projekte, weder links noch rechts davon, “nur” BPM. Ich sehe, wo Probleme liegen, erforsche die Ursachen und entwickle Lösungen. Manche Dinge gehen nicht, manche irgendwann schon. Viel zu oft verhindern Eitelkeiten, persönliche Interessen oder auch mangelndes analytisches Denkvermögen der Beteiligten, dass die Projekte erfolgreich verlaufen, und wesentlich seltener auch technische Hürden. Aber wir kommen vorwärts, Stück für Stück.

Was mich aber wirklich aufregt, sind die “großen Strategen”, die mit Schaubildern aus der 10.000-Meter-Vogelperspektive völlig inkonsistente “Architektur-Blueprints” entwerfen. Und sich wegducken, wenn etwas konkretes erreicht werden soll. Deshalb mag ich den Mittelstand so sehr, da hat man so einen Quatsch in der Regel nicht. Huch, jetzt bin ich vom Thema abgekommen, tut mir leid :-)

OK, bringen wir das Plädoyer zu einem halbwegs eleganten Ende:

Natürlich ärgere ich mich über die falschen Versprechen und enttäuschten Erwartungen zu BPM, die teilweise existieren. Aber genauso freue ich mich mit unseren Kunden, wenn in unseren BPM-Projekten wieder etwas funktioniert. Und es funktioniert eine ganze Menge. Aber wer das verstehen will, muss weg von den White Papers, Folien und Vorträgen, und rein in die Firmen und selbst BPM praktizieren.

5 Kommentare zu BPM in der Sinnkrise – Was soll das?

  1. Lieber Kollege Freund,

    sicherlich sind Ihre Kunden mit Ihren BPM-Projekten sehr zufrieden.

    Wenn sich aber verschiedene Leute
    - aus ganz unterschiedlichen Themenfeldern, die alle irgendwo im BPM-Umfeld anzusiedeln sind,
    - mit sehr unterschiedlichen Rollen und Veranwortungsbereichen
    zusammensetzen und feststellen, dass es vielleicht sinnvoll sein könnte, zu einem gemeinsamen Minimalverständnis über Begriff und Inhalte von BPM zu kommen, würde ich das nicht gleich verdammen. (Vielleicht fehlt uns ja Ihre Erfahrung?)

    Was das übrigends mit Vogelperspektive und Reissbrett zu tun hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht einfach erstmal die Hintergründe recherchieren, dann würde auch deutlich werden, wie dieser Ansatz entstanden ist und dass wir vielleicht garnicht so weit auseinanderliegen.

    T.J. Olbrich

  2. Hallo Herr Olbrich,

    manchmal bin ich (leider) etwas impulsiv, und ich habe in den letzten Jahren vielleicht auch schon etwas zu viele Grundsatzdiskussionen rund um BPM erlebt.

    Im Grunde ist es ja auch völlig in Ordnung, sich zu dieser Frage auszutauschen.

    Ich denke nur es ist falsch, die bisherigen Aktivitäten im BPM-Bereich als allgemein gescheitert darzustellen. Und die aktuelle Entwicklung war vorhersehbar: Analysten und Anbieter prognostizierten sensationelle Erfolge. Die Erfolge wurden in diesem Ausmaß (selbstverständlich) nicht erreicht, und jetzt wird gleich die Grundsatzfrage gestellt. Ich glaube, das ist die falsche Herangehensweise.

    Falls das aber gar keine Aussage Ihrer Initiative ist, habe ich das zu Unrecht so interpretiert.

    Viele Grüße

    Jakob Freund

  3. Hi Jakob,

    ich hätte es nicht schöner zusammenfassen können! Wenn ich mir alleine anschaue, welche Bandbreite von Schwerpunktsetzungen bei den Kunden unter “BPM” verstanden bzw. teils für selbstverständlich vorausgesetzt wird, wird mir ganz anders dabei wie bei solchen Pseudo-Diskussionen ohne Sinn und Verstand losgedroschen wird.

    Nichtsdestotrotz wird es diese “[Fachbegriff hier einsetzen] ist tot!”-Diskussionen wohl leider immer geben…

    Viele Grüße,
    Torben

  4. Hallo BPMer,

    denke diese Diskussionen sind trotzdem alle notwendig. Ich bin auch schon seit Jahren im BPM-Geschäft, und auch wenn ich aus einem unserer Software-Labore bin (und damit sehr nahe an der Produkt-Entwicklung), bin ich oft der Einzigste der dann beim Kunden auch mal anmerken muss, dass ‘Technologie’, und damit auch die IT, in einem BPM Projekt am Ende das Tages vielleicht grade mal 25% ausmachen.

    Denn es geht gerade eben nicht um die 100%ige Automatisierung der Prozesse (die nur in sehr geringem Umfang zu erreichen ist), sondern darum, wie Menschen mit und in teil-automatisierten Prozessen arbeiten, wie diese Prozesse dann schnell angepasst und geändert werden können, und als allerwichtigstes, was auch am Anfang eines BPM Projektes geklärt sein sollte: Was ist denn ein ‘guter’ Geschäftsprozess? Und wer weiss was gut ist? Und ab wenn es gut ist? Und unter welchen Vorraussetzungen es evtl nicht mehr gut genug ist? Wenn man erkannt hat (wer erkennt es?), dass etwas geändert werden muss, um einen Prozess zu verbessern, wer fordert diese Änderungen? Wer managed sie? Alles Fragen, deren Antwort die IT eben nicht kennt, deswegen sind hier Fachbereiche und Betriebsorganisationen in der Pflicht. Und manche kommen diesen Pflichten eben besser nach als andere…..Ein wichtiger Punkt ist nur: Fachbereiche und Betriebsorganisationen wissen oft wenig darüber, was eine IT im Rahmen von BPM heute leisten könnte, wenn sie nur richtig (dh mit den richtigen prozess-relevanten Anforderungen) beauftragt werden würde…

    …und da sehe ich heute tatsächlich das grösste Problem für BPM: BPM (und M hier tatsächlich als Management) muss gleichermassen den Fachbereichen, den Betriebsorganisationen und der IT schmackhaft gemacht werden, durchaus mit einer Formulierung einer etwas grösseren Vision, ohne zu vergessen, dass man trotzdem als erstes pragmatische mit einem klar identifizierten ‚problematischen’ Prozess beginne muss. Nur dann, und nur wenn dann diese 3 Gruppen richtig zusammenkommen, kann man auch nachhaltige Verbesserungen erreichen, vor allem, wenn man BPM irgendwann tatsächlich als strategisch und umfassend betrachten möchte. Aber dennoch wichtig: Die ersten Projekte sind vom Umfang her immer eher klein, überschaubar aber dennoch im Erfolg messbar sein werden. (Ein in sich komplizierter Prozess wäre auch mit anderen nicht BPM-Methoden schwer zu greifen und zu verbessern, deswegen scheitern etliche Prozesse eben nicht an BPM, sondern weil man sich einfach zu viel vorgenommen hat. Die Schuld dann aber auf BPM, oder noch eher auf die BPM-Technologie zu schieben, ist einfach, trifft aber nicht den Kern….)

    Wir haben auch unzählige BPM Projekte gemacht, allerdings oft mit unterschiedlichsten Schwerpunkten: Prozessmodellierung, Prozessautomatisierung, Prozessmonitoring (nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge), etc, es gelingt nicht immer sofort alle Vorteile von BPM über alle BPM-Disziplinen zu erreichen, aber wenn die ersten Schritte erfolgreich abgeschlossen werden, werden auch die näxten Schritte gemacht, so dass man über die Zeit messbare und kommunizierbare Fortschritte erreichen kann. Das geht alles eher lange, und nicht alle Typen von Prozessen sind in unterschiedlichen Organisationen gleichermassen geeignet, aber es geht, es geht sogar gut!

    Zu diesem Thema (was BPM ist, und ob es erfolgreich ist oder nicht), gäbe es unendlich viel zu sagen, aber: das ist müsig. Und zwar deswegen, weil es einfach zu viele erfolgreiche Projekte gibt, die Geschäftsprozesse im Sinne von BPM tatsächlich messbar verbessert haben. Haben wir die Marktplanungszahlen der Analysten erreicht? Wahrscheinlich eher nicht, und ich denke die wirklich sauber messen zu können im Sinne von implementierten BPM Projekten (allumfassend) wird schwierig sein. Richtig ist auch, dass erfolgreiche Unternehmen evtl weniger auf ihre Prozesse schauen, und andere, denen es grade schlecht geht, das evtl nicht genug tun. Die vielen anderen, die konstant ihre Prozesse optimieren, viele mit BPM-relevanten Vorgehensweisen und Software-Tools, von verschiedensten Blickwinkeln aus startend, mit Beratung und Tools von unterschiedlichsten Herstellern, erkennen oft den wirklichen Mehrwert von BPM leider nicht, oder bekommen nicht die Zeit die wirklich wichtigen Dinge zu betrachten: Nämlich der Symbiose von Fachbereich, Betriebsorganisation und IT über Geschäftsprozessmodelle, die für alle verschiedene Sichten zu unterschiedlichsten Anwendungen liefern…..dem einen ist zu wenig enthalten, dem anderen zu viel, zu technisch oder zu wenig technisch – es lässt sich immer was finden solange niemand gesagt hat was er genau sehen möchte…

    Final sind es nämlich die jeweiligen Menschen, die zusammenkommen und diskutieren müssen, was erreicht werden soll, was wichtig ist, wie es erreicht werden soll, etc. Damit: Kein BPM Problem, sondern eine organisatorische Herausforderungen. Wie überall, so gilt auch bei BPM: Technologie kann nur das was vorab als richtig erkannt wurde evtl schneller, sichtbarer, messbarer und kostengünstiger erledigen, ich muss aber weiterhin als Mensch / Organisation das Management der Umsetzung, des Betriebs und der dann kommenden weiteren Änderungen übernehmen.

    ‚BPM’ als Begriff lief nie Gefahr ‘nur’ auf Automatisation und Technologie reduziert zu werden, wer das tut, oder tat, versteht nicht, um was es geht. Deswegen: Kopf hoch, BPMer: We are here to stay!

    Grüsse, Roland Peisl

  5. … zum Glück funktionierts nicht ! BPM meine ich, wenn das nur so Flutschen würde in all den Unternehmen, wir hätten wohl 50% mehr Arbeitslose !

    Nicht dass ich provozieren will, ich bin selbst seit rund 20 Jährchen in die Thematik involviert, doch nach all den Jahren muss ich leider feststellen, dass das Verständnis und der Wille – beginnend beim Topmanagement, über den wohlbekannten 10′000m-Vogelperspektive-Prozess-Architekten, bis hin zum einfachen Angestellten – extrem bescheiden sind.

    Klar müsste, sollte und will man und hin wieder vernimmt man sogar, dass “das Management voll dahinter steht” – und wieso bitteschön eigentlich “dahinter” ? Naja, wie auch immer, bis einer der BPMer mal schüchtern fragt: äheem, wie ist es eigentlich mit dem Strategie- oder Führungsprozess ? Sollten wir da nicht auch mal ? Und wehe, wenn die Prozessmetriken oder BSC im roten Bereich ist ! Schwups, weg ist der CEO (der dahinter stand) und die ganze Chose beginnt von vorne – ein neuer CEO und der, DER (ein Ami) versteht dann von der Sache etwas – “way you don’t use PowerPoint” ! *stöhn*

    Tja, mein Fazit: ich denke, dass die Thematik an unserer schnellebigen, kurzfristig denkenden Gesellschaft und schlussendlich an uns Individuen scheitert ! Alles Parameter die für BPM tödlich sind ! Quick & dirty ist angesagt – Konstanz und langfristige Visionen, mit entsprechender Unternehmens(-kultur)entwicklung sind leider bald ein Fremdwörter.

    In diesem Sinne, glücklich derjenige BPMer der beim Mittelstand mit entsprechendem Patron aktiv sein darf.

    Michel …

    … mit PowerPoint beschäftigt ! ;-)

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