BPM-Suites: Alles Schrott?

October 22 2008 by Jakob Freund · 2 Comments

Magische BPM-SuitesHeute habe ich einen Beitrag von Ismael Ghalimi gelesen. Ismael ist Gründer und CEO von intalio, einem BPMS-Anbieter (nicht nur Modellierung, sondern auch Process Execution). Allerdings brüstet sich intalio damit, dass die eigene Lösung Open Source verfügbar ist.

In seinem Post “Don’t RFP, DIY” (zu dt. “Nicht ausschreiben, selber machen”) wird der traditionelle Prozess der BPM-Suite-Auswahl extrem verrissen. Ich selbst habe ja nun auch einige Erfahrung gesammelt, was diesen Prozess angeht.

Und ich muss sagen: Der Mann hat recht! Wenn auch nur zum Teil…

Manche BPM-Anbieter versprechen ja den Himmel auf Erden: Dank der eigenen Lösung wird das Business völlig unabhängig von der IT (die ja angeblich sowieso immer nur der Bremser ist), und kann per Drag-and-Drop in einer Klicki-Bunti-Oberfläche den Prozess modellieren, der auf Knopfdruck in Workflows und SOA… Ja was eigentlich… überführt wird, und auch gleich noch alle Prozesskennzahlen misst und aggregiert, von denen der interessierte Manager letzte Nacht geträumt hat.

Tatsächlich ist es oft so, dass

  • die potentiellen BPM-Anwender von überteuerten Quassel-Beratern mit völlig idiotischen “Auswahlkriterien” versorgt werden
  • dann auch noch jeder andere Schreihals im Unternehmen seinen Senf dazu geben darf
  • mit dem resultierenden “Kriterienkatalog” eine aufwendige und nutzlose Ausschreibung durchgeführt wird, an deren Ende solche Anbieter in die Short List kommen, die am unverschämtesten gelogen haben
  • Die Präsentation der Short-List-Teilnehmer auf Basis getürkter “Live”-Demos erfolgt
  • Eine prototypische Prozessrealisierung stattfindet, die rasend schnell erledigt ist
  • Die Entscheidung für einen Anbieter danach gefällt wird, wie schnell der Prototyp realisiert wurde
  • Die Lösung eingeführt wird, und der Prozess plötzlich doch nicht mehr so einfach realisiert werden kann
  • Alle möglichen Spezialisten des Anbieters eingeflogen werden müssen, weil der Kunde überhaupt nicht im Stande ist, die Prozessrealisierung oder -anpassung selbst vorzunehmen
  • Am Ende genau das passiert, was dank BPM vermieden werden sollte: Die ganz banale Individualentwicklung einer Software

Diese Darstellung ist natürlich extrem überspitzt und trifft auf keinen Fall auf jedes BPM-Projekt oder -Produkt zu. Aber tatsächlich auf einige, soviel kann ich mit gutem Gewissen sagen.

Nun schreibt Ismael, dass man einen ganz anderen Weg gehen sollte: Die BPM-Lösung nicht einkaufen, sondern selber bauen, auf Basis von Open Source. Wir bei camunda sind ja prinzipiell ebenfalls Befürworter von Open Source, und es sprechen mit Sicherheit auch einige Argumente für den von Ismael vertretenen Ansatz. Aber man sollte immer im Kopf haben: “There is no such thing as a free lunch”. Und so können es sich viele Unternehmen einfach nicht leisten, die notwendigen IT-Ressourcen aufzubauen, um Open Source – Produkte zu handlen. Deshalb wird dieser Weg mit Sicherheit nicht für jeden BPM-Aspiranten gangbar sein. Davon einmal abgesehen bieten viele Anbieter “Open Source”-Editionen ihrer Lösung an, mit denen man sich vielleicht ein Bild verschaffen, aber ansonsten kaum was anfangen kann. Für den produktiven Einsatz muss dann doch wieder kräftig in die Tasche gegriffen werden. “Open Source” ist also noch lange nicht “Open Source”.

Einem Statement von Ismael möchte ich hingegen 100%ig zustimmen: Wer inhouse seine eigene BPM-Infrastruktur aufbauen möchte, kann das nicht ohne die IT tun. Die Idee, das Business könnte sich mit Hilfe von BPM von der IT entkoppeln, ist gerade in komplexen Umgebungen völliger Quatsch. Das sollte auch endlich von den Anbietern im Markt klar kommuniziert werden. BPM ist ein Instrument, mit dem Business und IT besser zusammenarbeiten können, indem Kommunikationsgräben geschlossen werden. Nicht, indem die IT dank irgendwelcher automatisch generierter Workflows plötzlich überflüssig wird. Wer die automatisierten Prozesse näher ans Business bringen möchte, sollte sich lieber die längst vorhandene Möglichkeiten der losen Kopplung von Prozesslogik mit anderen Aspekten ansehen, z.B. Geschäftsregeln (vgl. auch “Bitte trennen: Prozesse und Geschäftsregeln“).

Der Aufbau einer eigenen BPM-Infrastruktur kann sowohl mit Open Source – Werkzeugen, als auch mit kommerziellen Lösungen erfolgen. In beiden Fällen kommt man um eine aufwendige und teure Entwicklung oder Beschaffung eines qualifizierten Personals allerdings nicht herum (wobei ich behaupte, dass dieser Schmerz bei kommerziellen Lösungen durchaus geringer ausfallen kann). Wer solche Investitionen vermeiden will oder muss, sollte sich mit Process Hosting beschäftigen – aber dazu kommt noch ein eigener Post.

Hinweis: Wer sich für intalio interessiert: Prof. Dr. Allweyer hat ein tolles Tutorial darüber geschrieben.

Jakob Freund, CEO

Jakob Freund has profound experience in BPM projects, especially in the area of strategic BPM, process modeling and business IT alignment. He is author of the successful book "Real-Life BPMN", founder of BPM-Netzwerk.de and gives lectures at the university of applied science in Zürich and Bern.

2 Kommentare zu BPM-Suites: Alles Schrott?

  1. Besten Dank für diesen erfrischend realistischen Beitrag – auch aus Sicht eines BPMS Herstellers.

    Einen Punkt zu “Proof of Concepts” möchte ich ergänzen: Manche Kunden sind – wahrscheinlich auf Grund der schlechten Erfahrungen: Siehe im Originalartikel – dazu übergegangen, uns (bzw. unseren Presales/System Engineers) tatsächlich und buchstäblich über die “Schulter” zu schauen, was wir wann wie machen in webMethods während eines PoCs. Da ist nicht nur die Anzahl der Berater klar, sondern auch, wie rasch man wirklich am Tool (= BPMS) arbeiten kann.

    Ein Kunde hat uns sogar 3 Monate nach dem (erfolgreichen) PoC “eingeladen”, noch “rasch” etwas zu ändern im Rahmen eines sogenannten Flexibilität Tests: Dabei mussten wir *vorher* schätzen, wie lange das dauert – und der Kunde hat dann gestoppt, wie lange wir wirklich gebraucht haben.

    Eine Anmerkung zu dicken RFPs: Unser Rekord in RFP Fragen beträgt mittlerweile 600 Fragen (auf Englisch – auch im deutschen Sprachraum) innerhalb 10 Arbeitstagen zu beantworten: Unsere Antwort war dann auch mehr als 200 Seiten lang.

    Für uns sind derartige extrem und in der Sache selbst nicht unbedingt Nutzen stiftende Randbedingungen oft ein Zeichen von Unbestimmtheit oder Unsicherheit auf Seiten des Kunden, der wahrscheinlich (noch) nicht genau weiß, was er wann benötigt. Aber um das so differenziert mit ihm zu diskutieren, mussten wir erst die Fragen beantworten…

    Die Fiktion, dass “die Fachabteilung direkt ausführbare Prozesse malen könnte” wird u.a. von Smith & Fingar (“BPM – The Third Wave”) propagiert (ebenso wie der Pi-Kalkül ;-) und ist auch aus unserer (meiner ehrlichen) Sicht auf absehbare Zeit ins Reich von “pure Magic” (oder “Dream”) einzuordnen. Nichteinmal unser webMethods BPMS kann das im nächsten Release.

  2. [...] Aber das heißt nicht, dass die Richtung falsch wäre, oder die Lösungen nichts taugen. Wichtig ist nur, nicht zu hohe Erwartungen zu haben und nicht zu glauben, man könne mit der “Magic BPM-Suite” die Kontrolle über IT-unterstützte Prozesse mal eben in die Fachabteilungen verlagern (siehe auch “BPM-Suites – alles Schrott?”). [...]

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